Wir alle sind zu erschreckend großer Brutalität fähig


Interview Julianne Moore zu „Die Stadt der Blinden";
Filmstart: 23.10.

Sie war schon Porno-Diva in „Boogie Nights" und Malerin in „Short Cuts". Kaum eine Rolle, mit der Julianne Moore nicht begeistern könnte. Für „Dem Himmel so fern" bekam sie in Venedig den Schauspielpreis, für „The Hours" den Berlinale-Bären und eine Oscar-Nominierung. Nach „Die Vergessenen" und „Children of Men" kommt die Moore nun in „Die Stadt der Blinden" von Fernando Meirelles nach dem Bestseller von Nobelpreisträger José Saramago in die Kinos: Die Welt wird blind, nur die Heldin kann noch sehen. Mit der Moore unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald.

Doppelpunkt: Wie würden Sie sich einem Blinden beschreiben?
Moore: Machen Sie Witze? (lacht) Warum sollte ich das tun? Sehen ist unser wichtigster Sinn. Wenn man ihn verliert, verschieben sich alle übrigen Koordinaten. Einem Blinden würde es nichts nützen, wenn ich mich beschreibe, er könnte das gar nicht einordnen und vergleichen. Ich könnte ihm also allenfalls meine Eigenschaften und Vorlieben beschreiben.
Doppelpunkt: Warum wird ausrechnet Ihre Figur von der Blindheit verschont?
Moore: Der Autor José Saramago sagte, dass ursprünglich alle Figuren erblinden sollten. Beim Schreiben wäre ihm dann spontan die Idee gekommen, dass die Arztgattin von der Seuche verschont bliebe – aber wisse nicht, warum. Wir fragten, ob es daran liege, dass sie so gut ist, so unschuldig oder einfach stark sei – aber er sagte uns nur, sie sei ganz einfach immun gegen das Virus.
Doppelpunkt: Zu Beginn Ihrer Karriere spielten sie häufig ganz gewöhnliche Frauen, inzwischen sind Ihre Figuren immer öfter die Retter der Menschheit – was liegt Ihnen besser?
Moore: Diese Figur ist auch eine ganz durchschnittliche Frau, nur bleibt sie vor der Seuche eben verschont. Ich wollte sie in allen Aspekten so normal wie möglich darstellen, selbst in ihren heldenhaften Momente. Anders als bei irgendwelchen Superhelden, die eine hehre Mission erfüllen wollen, geht sie pragmatisch vor: Leute müssen von A nach B. Oder Müll muss verbrannt werden.
Doppelpunkt: Ist das der Grund, warum sie so lange zögert, bevor sie eingreift?
Moore: Ein üblicher Held würde bei einem Problem sicher sofort aktiv und handeln. Aber unser Film ist anders. Es geht um eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam nach Lösungen suchen – aber tun wir Menschen immer das richtige? Selbst als sie schließlich etwas unternimmt, löst sie damit eine Serie der Gewalt aus – hat sie also tatsächlich richtig gehandelt? Ihr Ehemann wirft ihr ja vor, dass sie einen Krieg ausgelöst habe. Dieses moralisches Dilemma ist zentrales Thema des Films.
Doppelpunkt: Haben Sie sich gefragt, was Sie selbst in solch einer Situation tun würden?
Moore: Was ich selbst täte ist eigentlich ziemlich unerheblich, entscheidend ist, was ich als Schauspielerin in meiner Rolle vermittle. Wir alle sind unter gewissen Umständen wohl zu einer erschreckend großen Brutalität fähig. Und umgekehrt zu sehr großer Menschlichkeit. Diese beiden Seiten in meiner Figur zu zeigen, war für mich ganz entscheidend. Diese Frau steht symbolisch für jeden von uns.
Doppelpunkt: Was ist für Sie die Botschaft in „Die Stadt der Blinden"?
Moore: Für mich geht es darum, wie schnell die Fassade der Zivilisation zerbrechen kann, und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Es genügt ja bereits eine Naturkatastrophe und wir werden im Fernsehen Zeuge von schockierenden Momenten. Zudem geht es um die Frage, wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Wobei der Film immer nur Fragen stellt, die Antworten bleiben dem Zuschauer überlassen.
Doppelpunkt: Gab es Momente in Ihrem Leben, wo Sie über sich hinauswachsen mussten?
Moore: Ich habe einmal in einem Restaurant gearbeitet, als ein Feuer ausbrach. Dabei habe ich mich ziemlich gut verhalten. Ich habe die Gäste nach draußen geleitet und war überhaupt nicht aufgeregt. Umgekehrt wurde ich völlig panisch, als ich beim Einkaufen in New York einen Schuss hörte. Es war gar nicht so dramatisch, nach fünf Minuten wurde der Typ von Sicherheitsleuten überwältigt. Aber ich war ziemlich hysterisch.
Doppelpunkt: Haben Sie dieses Gefühl der realen Angst bei einer Rolle später einmal verwendet?
Moore: Viele Schauspieler würden das wohl tun und sagen, dass ihre Arbeit auf pausenloser Erfahrung im Leben basiere. Ich bin eher der Meinung, dass wir Schauspieler im Beruf sowieso immer nur so tun, als ob. Unser Job ist die Illusion. Es ist wie bei Kindern, die mit ihrer Fantasie bestimmte Rollen spielen.
Doppelpunkt: Manche meinen, gewisse Bücher sollten niemals verfilmt werden – wie sehen Sie das?
Moore: Solange der Autor damit einverstanden ist, sehe ich kein Problem. Wobei ich auch schon Rollen in Verfilmungen abgelehnt habe, weil ich mir die Umsetzung überhaupt nicht vorstellen konnte. In diesem Fall scheint mir das sehr gut gelungen, auch wenn es gewiss kein leichtes Unterfangen war.
Doppelpunkt: Haben Sie sich von den anderen Darstellern ausgeschlossen gefühlt, weil sie als einzige Figur sehen konnten?
Moore: Nein, ganz und gar nicht. Es herrschte eine unglaublich gute Atmosphäre bei uns. Es ist ja häufig so, dass je düsterer ein Film, desto lustiger geht es beim Drehen zu – anders wäre das gar nicht zu ertragen. Ich war sogar froh, dass ich die Sehende war, denn das hat mir den anstrengenden Blinden-Workshop erspart, den alle anderen absolvieren mussten.
Doppelpunkt: Sie haben etliche Preise gewonnen und eine Oscar-Nominierung – was ist wichtiger für Sie und für die Karriere?
Moore: Preise sind immer eine schöne Anerkennung, egal woher sie kommen. Was die Wichtigkeit für eine Karriere betriff, weiß ich die Antwort nicht. Inzwischen werden Nominierungen für den Oscar immer mehr für Marketingzwecke verwendet und auf Filmposter geschrieben. Ich freue mich aber genau so über Auszeichnungen auf Festivals.
Doppelpunkt: Was ist für Sie das Beste an Ihrem Job?
Moore: Lesen war für mich schon immer eine große Leidenschaft, die mich letztlich auch dazu geführt hat, Schauspielerin zu werden. Ich liebe ganz einfach dieses Gefühl, an einer Geschichte beteiligt zu sein. Besonders, wenn es darum um die Fragen geht, wer wir sind, was wir tun und was wir wollen.
Doppelpunkt: Sind Sie optimistisch in Bezug auf die Zukunft der Menschheit?
Moore: Filme reflektieren unsere Wirklichkeit, aber sie sind keine Vorhersagen und schon gar keine Kassandra-Rufe. Natürlich gibt es weltweit eine große Angst, sei es wegen politischer Unruhen oder menschlicher Katastrophen. Nicht umsonst hat der Film eine sehr internationale Besetzung, das soll schon etwas über den Zustand unseres Planeten sagen. Aber der Mensch ist von Natur aus hoffnungsvoll – daher auch dieses Ende im Film.
Dieter Oßwald

Stand: 15.10.2008

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